Interview

Erst verstehen, dann gestalten

Text: Claudia Lüersen | Private Banking Magazin der Haspa

Was unterscheidet Kunst und Design? Und wie sollten Räume gestaltet sein, in denen Menschen sich gern aufhalten und austauschen? Eine Begegnung mit Marcel Zandée und Lars Bogdahn von der Hamburger Design-Agentur „The Studios“.

Manchmal hilft es, vom Kleinen aufs große Ganze zu schließen. Beim Besuch der Design-Agentur „The Studios“ werden erst einmal alle Erwartungen an eine Arbeitsstätte Bauhaus-geschulter Gestalter erfüllt. Das Office ist gradlinig und von fast Zen-klösterlicher Aufgeräumtheit geprägt. Bodentiefe Fenster lassen viel Licht von der Kanalseite herein, es fällt auf Glas, Beton und Stahl. Ein schwarz glänzendes Klavier und ausgesuchtes Designer-Mobiliar lockern die Strenge auf, die vollends verfliegt, als die beiden Geschäftsführer der 2014 gegründeten Design-Schmiede erscheinen. Marcel Zandée, 42, hat die kreative Leitung der Agentur inne, Lars Bogdahn, 49, kümmert sich um das kaufmännische Fundament. Beide kommen federnden Schrittes und mit wachem, interessiertem Blick auf die Gäste zu, Zandées Labrador-Hündin gelassen im Schlepptau.

Es ist einer der letzten sonnigen Tage im Hamburger Herbst, man sieht den beiden Männern an, dass sie das zu schätzen wissen. Beginnen wir also im Kleinen: „Was muss ein Parfümflakon haben, um es ins Museum of Modern Art in New York zu schaffen?“ „Der Entwurf muss entweder von zeitloser Eleganz oder besonders radikal sein, wie in der Kunst auch“, sagt Marcel Zandée.

Design für Kabel, Kaffee, Armaturen

Er hat 16 Jahre mit Peter Schmidt zusammengearbeitet, der „The Studios“ 2014 mit Zandée und Bogdahn gründete und dem Team bis zu seinem Tod im Juli 2025 eng verbunden blieb. Peter Schmidt entwarf den museumsreifen Flakon für einen Duft von Jil Sander, erfand die lila Kuh einer auch deshalb sehr populären Schokolade, gestaltete aber auch das Foyer der Hamburger Staatsoper und das Hamburg-Logo „Tor zur Welt“. Kultursenator Carsten Brosda würdigte ihn posthum als „Giganten der Gestaltung“.

Sicher nicht so einfach, ein solches Erbe weiterzuführen und vor allem eine derartige gestalterische Bandbreite zu bedienen. „The Studios“ kreiert aktuell Markenwelten für Hersteller von Kabeln, Kaffee und Armaturen und erneuerte 2025 das Markendesign des Ernst Deutsch Theaters und das Foyer der Hamburger Staatsoper. Wie gelingt es, Erfolg in so unterschiedlichen Sparten zu haben? Marcel Zandée: „Wir haben keine Lust, ins Spezialistentum für eine Sache abzudriften, schließlich gestalten wir komplette Markenwelten, dazu gehören Logo, Verpackung, Kommunikationsstrategie sowie erlebbare Brand Spaces.“ Man höre gut zu, um die Bedürfnisse der Kunden bestmöglich zu verstehen und ihrer Individualität Form zu geben: „Wir haben für das Ernst Deutsch Theater und die Hamburger Staatsoper fast zeitgleich neue Räume für Begegnung geschaffen. Die Aufgabenstellungen waren ähnlich, doch die Ergebnisse sind völlig unterschiedlich“, führt Lars Bogdahn aus. Was kann denn Design tun, um die Lust am Austausch beispielsweise in einem Opernfoyer zu fördern?

Gesprächsstoff im Raum

„Man schafft Objekte, über die Menschen sprechen. In der Staatsoper ist das der Boden, der von der Künstlerin Jorinde Voigt kreiert wurde, oder eine von uns entwickelte Leuchte, ein spektakuläres Objekt, das über der Szenerie schwebt“, sagt Marcel Zandée. Im Foyer des Ernst Deutsch Theaters gebe es Mobiliar, führt Lars Bogdahn aus, das dazu einlädt, flexibel bewegt zu werden. Eine Sitzgruppe sei zwar harmonisch, jedoch durchaus so gestaltet, dass ein Stuhl mit zur nächsten Gruppe gerückt werden könne: „Durch eine künstlerische Intervention wie den Boden in der Hamburger Bürgeroper entsteht ein Gespräch und im besten Falle geht man abends noch gemeinsam essen. Es funktioniert wie der Zipfel der Tischdecke, den man bewusst hängen lässt, damit man etwas zum Angreifen hat.“

Das klingt eher spielerisch als minimalistisch, wie geht das mit dem Purismus im eigenen Office zusammen? „Das Office ist der Rahmen, in dem wir arbeiten, da ist stilistische Lautstärke eher nicht gefragt“, sagt Lars Bogdahn. „Es ist immer sinnvoll, eine Aufgabe zunächst auf den Kern zu reduzieren. Aber die Frage ist: Was passiert von dort aus? Blüht es auf, kann es opulent werden? Der Staatsoper wollten wir zum Beispiel Grandezza zurückgeben, auch um den Ursprungsgedanken des Designs herauszuarbeiten. Die weißen Säulen im Inneren haben wir wieder in Gold glänzen lassen. So verbinden sie sich optisch mit den goldenen Säulen außen und machen den Übergang fließender, einladender“, führt Marcel Zandée aus.

Faszination Steckverbindung

Marken- und Produktdesign sind im besten Fall Kunst, die den Alltag schöner und praktikabler macht, davon sind die CEOs überzeugt. Deshalb kann man sich bei „The Studios“ auch für die Produktwelt eines Kabelherstellers begeistern. „Es ist faszinierend, in so ein Gebiet einzutauchen. Plötzlich entdeckt man, dass die Kabelverbindungen für Quantencomputer zum Einsatz kommen, für Ölbohrinseln, Luft- und Raumfahrt, für Satelliten. Ein guter Designer hat eine Mannigfaltigkeit an Interessen und kann aus einer vermeintlich langweiligen Geschichte das genaue Gegenteil machen“, ist Zandée überzeugt.

Wer sich das „The Studios“-Video zum entsprechenden Produkt anschaut, geht sofort mit: Selten hat eine Steckverbindung spannender ausgesehen. Wenn Design breite Wirkung entfaltet, wie beispielsweise bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), die „The Studios“ seit vielen Jahren betreut, sei das sehr viel erfüllender, als beispielsweise vom Feuilleton für vorzügliches Design gelobt zu werden. Manchmal sei die Aufgabe guten Designs eben nicht, toll auszusehen, sondern – wie bei der DKMS –, Ressentiments abzubauen. „Viele Leute denken ja immer noch, für eine Spende müsse man an der Wirbelsäule operiert werden, dabei wird ‚nur‘ Blut abgenommen. Und damit kann man Menschenleben retten, ganz konkret“, sagt Marcel Zandée.

Jedes ihrer Designs verfolge, so die CEOs, einen klaren Zweck, müssen gesehen werden und Wirkung entfalten. Die entwickelten Lösungen agieren nicht im luftleeren Raum, sondern seien kommerziell, sollen Dinge in Bewegung bringen. Und hier schließt sich der Bogen dann doch. „Form follows function“ lautet das altgediente Bauhaus-Motto. Dass ein Design durchaus opulent oder farbenfroh sein kann, um seine Funktion zu erfüllen, ist in Hamburg im Ernst Deutsch Theater und in der Staatsoper zu erleben: Unterhalten Sie sich gern darüber.

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